Universität Kassel Fachbereich Germanistik Fachgebiet Deutsch als Fremdsprache Master – Aufbaustudiengang Masterarbeit Einsatz von Englisch im Grammatikunterricht der Deutschstudierenden in Vietnam vorgelegt von Phan Thi Bich Son Weißer Hof 1 34117 Kassel E-Mail: pbichson@yahoo.de Erstgutachter : Prof. Gerhard Neuner Zweitgutachter: Prof. Nataly Borisko Abgabetermin : 18. Oktober 2004 Eidesstattliche Erklärung Hiermit erkläre ich eidesstattlich, dass ich die vorliegende Masterarbeit selbstständig und ohne Benutzung anderer als der angegebenen Quellen und Hilfsmittel angefertigt habe.
Die Arbeit wurde in gleicher oder ähnlicher Form noch keiner anderen Prüfungsbehörde vorgelegt.04 Phan, Thi Bich Son Inhaltsverzeichnis Einleitung. Was ist eigentlich Grammatik?. Zum Begriff Grammatik. Arten von Grammatiken.
Kriterien einer didaktischen Grammatik. Rolle und Verfahren der Grammatikarbeit in verschiedenen Methoden. Grammatik-Übersetzungs-Methode. Grammatikarbeit im Tertiärsprachenunterricht am Beispiel DnE.
Rolle der Muttersprache. Einsatz von Übersetzungsübung im Unterricht. Methodisch-didaktische Prinzipien des Tertiärsprachenunterrichts in der Grammatikarbeit. Kognitives Lehren und Lernen.Bereich des deklarativen Wissens .Bereich des prozeduralen Wissens.
Verstehensorientierung: Vom Verstehen zur Äußerung. Ökonomisierung und Aktivierung der Lernenden. Lernsituation der Deutschstudierenden der Nationaluniversität von Ho Chi Minh – Stadt in Vietnam. Das Deutschstudium an der Nationaluniversität von HCM-Stadt in Vietnam.
Einsatz von Englisch im Deutschunterricht .1 Einfluss der Englischkenntnisse auf das Deutschlernen- Ergebnisanalyse einer Umfrage.2 Ziele des Einsatzes von Englisch im Grammatikunterricht. Sprachvergleich L1-L2-L3 auf der grammatischen Ebene. Konjugation der Verben. Das Verb „sein“.
Das Verb „haben“. Das Verb „lassen“ .1 Die Bildung des Plurals.2 Der Gebrauch des Plurals.3 Die Bildung des Genitivs .8 Ich möchte, dass.2 Verben im Nebensatz. Grammatikübungen für Deutsch nach Englisch.2 Wortstellung in der W-Frage.3 Das Präsens .5 Das Verb „sein“.8 Artikel und Nomen.10 Wortstellung der Adverbien. 87 Einleitung Deutsch als Fremdsprache ist eine typische Tertiärsprache, weil sie fast immer als L3 gelernt wird (vgl.
Als Beispiel dafür ist das Lehren und Lernen von Deutsch als zweiter Fremdsprache an den Universitäten in Vietnam zu nennen. Mit dem Begriff „zweite Fremdsprache“ ist hier gemeint, dass die Deutschstudierenden bereits Englisch an der Schule als erste Fremdsprache gelernt haben, wenn sie beginnen, Deutsch zu lernen. Außerdem ist das Lernen der ersten Fremdsprache nicht abgeschlossen, wenn sie sich mit der deutschen Sprache beschäftigen. Sie wollen auf jeden Fall ihre Englischkenntnisse behalten und erweitern, weil die englische Sprache eine wichtige Rolle in ihrem späteren beruflichen Leben spielt.
Darüber hinaus gibt es sehr viele Parallelen zwischen dem Deutschen und dem Englischen, während das Deutsche und das Vietnamesische sehr unterschiedlich sind. Aus diesen Gründen nehmen sie beim Deutschlernen normalerweise nicht ihre Muttersprache, sondern ihre vorhandenen Englischkenntnisse zu Hilfe. Besonders im Bereich Grammatik können sie dank ihrer Englischkenntnisse viele neue grammatische Begriffe und Strukturen schnell verstehen. Das bedeutet, dass die englische Sprache beim Deutschlernen die Rolle einer Brücke spielt, die den Weg vom Vietnamesischen zum Deutschen verkürzen und erleichtern kann.
Das Lernen der deutschen Sprache basiert also auf den vorhandenen Englischkenntnisse. Allerdings bringen diese Englischkenntnisse den Lernenden nicht nur Vorteile, sondern auch Nachteile. Wenn sie beim Deutschlernen selber auf ihre vorhandenen Englischkenntnisse zurückgreifen, können sie auch Interferenzfehler produzieren. Hier wird deswegen die Frage gestellt, wie man die Zahl dieser Interferenzfehler reduzieren kann und wie man die Englischkenntnisse der Deutschlernenden für den DaF-Unterricht nutzbar macht, damit diese Deutsch effizienter lernen können.
1 In der vorliegenden Arbeit wird der Versuch unternommen, dieses Problem zu lösen, indem man die vorhandenen Englischkenntnisse der Lernenden in den Deutschunterricht bewusst mit einbezieht. Im begrenzten Rahmen dieser Arbeit werde ich nicht alle Ebenen des Unterrichts behandeln, sondern mich auf die grammatische Ebene konzentrieren. Im ersten Kapitel wird der Begriff „Grammatik“ und „didaktische Grammatik“ erörtert. Die Rolle und das Verfahren der Grammatikarbeit in verschiedenen Methoden werden im zweiten Kapitel analysiert.
Im dritten Kapitel geht es um Grammatikarbeit im Tertiärsprachenunterricht. Hier werden die methodisch-didaktischen Prinzipien des Tertiärsprachenunterrichts in der Grammatikarbeit vorgestellt. Im vierten Kapitel wird die Lernsituation der Deutschstudierenden in Vietnam beschrieben, ihre Sprachlernerfahrungen, ihr Deutschstudium und der Einsatz von Englisch in ihrem Deutschunterricht. Ein Vergleich zwischen dem Vietnamesischen, dem Deutschen und dem Englischen auf der grammatischen Ebene wird im fünften Kapitel angestellt, der deutlich machen soll, warum die vietnamesischen Deutschlernenden eher auf ihre vorhandenen Englischkenntnisse als auf ihre Muttersprache zurückgreifen.
Aufgrund der vorgestellten Prinzipien und dem Sprachvergleich werden im sechsten Kapitel Grammatikübungen gestaltet, in denen die Englischkenntnisse bewusst mit einbezogen werden. Diese Übungen sollen im Deutschunterricht mit dem Ziel eingesetzt werden, den Lernenden bewusst zu machen, wo Transfer möglich ist und wo Interferenzen auftauchen können. Sie sollen dazu beitragen, die positiven Transfers zahlreicher als die negativen Interferenzen zu machen. Das ist auch das Ziel dieser Arbeit.
Was ist eigentlich Grammatik? 1.1 Zum Begriff „Grammatik“ Der Begriff „Grammatik“ wird unterschiedlich definiert. Nach Helbig (2001) hat er drei Bedeutungen: Grammatik als Objekt, als linguistisches Abbild und als mentale Realität. a) Grammatik als Objekt: Hier geht es um das komplette Regelsystem einer Sprache, unabhängig von dessen Beschreibung durch die Sprachwissenschaft und unabhängig von dessen Beherrschung durch Sprecher oder Hörer. Das bedeutet: Das Regelsystem einer Sprache existiert auch ohne die Linguisten, unabhängig von seiner wissenschaftlichen Beschreibung.
b) Grammatik als linguistisches Abbild: Hier wird Grammatik als die sprachwissenschaftliche Beschreibung des Regelsystems bezeichnet. „Grammatik“ meint hier verschiedene Beschreibungsmodelle, die die Sprachwissenschaft von unterschiedlichen Ausgangsfragen her entwickelt hat. Hier unterscheidet Helbig auch zwischen linguistischer Grammatik und pädagogischer/ didaktischer Grammatik. c) Grammatik als mentale Realität: Damit ist das Regelsystem gemeint, das in Köpfen der Lernenden existiert und das sie sich im Sprachunterricht aneignen oder ohne Sprachunterricht unsystematisch erwerben, 1.2 Arten von Grammatiken Nach unterschiedlichen Parametern wie dem Objekt, dem gesellschaftlichen Zweck, dem Benutzerkreis, der Benutzungssituation usw.
unterscheiden sich verschiedene Arten von Grammatiken: a) Normative vs. deskriptive Grammatiken b) Diachronische vs. synchronische Grammatiken c) Wissenschaftliche Grammatiken vs. Gebrauchsgrammatiken d) Problem- vs.
Resultatsgrammatiken 3 e) Produktions- vs. Rezeptionsgrammatiken f) Muttersprachen- vs. Fremdsprachengrammatiken g) Einzelsprachliche vs. konfrontative Grammatiken h) Linguistische vs.
didaktische Grammatiken Zu a): Normative (oder präskriptive) Grammatiken nehmen Wertungen vor. Sie enthalten Vorschriften und Normen und schreiben vor, was richtig und falsch, was gut und schlecht ist und was sein soll. Im Gegensatz dazu sind deskriptive Grammatiken wertungsfrei (weder vorschreibend noch normierend). Sie halten den vorhandenen Sprachgebrauch fest, und kodifizieren ihn.
Sie möchten beschreiben, was ist. Zu b): Diachronische Grammatiken stellen die Sprache in zeitlich- historischer Veränderung dar, also z. vom Alt- über das Mittel- zum Neuhochdeutschen. Synchronische Grammatiken beschreiben dagegen die Sprache in ihrem Funktionieren zu einem bestimmten Zeitpunkt (z.
die deutsche Sprache der Gegenwart). Zu c): Wissenschaftliche Grammatiken wenden sich an Linguisten und an solche Nutzer, die Sprache vermitteln wollen. Gebrauchsgrammatiken richten sich an Benutzer, die über kein linguistisches Spezialwissen verfügen. Zu d): Während Problemgrammatiken nur auf einer einheitlichen theoretischen Grundlage basieren, nutzen Resultatgrammatiken oft Einsichten verschiedener Grammatiktheorien.
Im Unterschied zu einer Problemgrammatik werden in einer Resultatgrammatik nur Ergebnisse präsentiert. Es wird nicht erörtert, wie die Autoren zu ihren Resultaten gekommen sind, die Beschreibungsverfahren werden nicht explizit entwickelt, begründet und problematisiert. Zu e): Produktive und rezeptive Grammatik unterscheiden sich durch die Benutzungssituationen: Bei der produktive Grammatik handelt es sich um den Weg vom Inhalt zur Form, also um die aktive grammatische Kompetenz des Sprechers oder des 4 Schreibers; bei der rezeptiven Grammatik geht es um den Weg von der Form zum Inhalt, also um die passive grammatische Kompetenz des Hörers oder des Lesers. Zu f): Muttersprachengrammatik (MSG) und Fremdsprachengrammatik (FSG) unterscheiden sich durch verschiedene Zwecke und Benutzerkreis.
MSG sind Grammatiken für den Muttersprachenunterricht, die davon ausgehen, dass der Muttersprachler aufgrund seines Sprachgefühls bereits über eine grammatische Kompetenz verfügt, manchmal auch über das Regelsystem. FSG sind Grammatiken für den Fremdsprachenunterricht, die dazu beitragen müssen, das Wissen der sprachlichen Regeln aufzubauen. In einer FSG müssen die Regeln explizierter, deutlicher sein als in einer MSG. Manche Bereiche, die in einer MSG vernachlässigt werden können, weil sie in der Muttersprache nicht fehleranfällig sind, müssen in einer FSG aber vollständig dargestellt werden.
Zu g): Für den Fremdsprachenunterricht spielen neben einzelsprachlichen vor allem auch konfrontative Grammatiken eine wichtige Rolle. Im Unterschied zur ursprünglichen kontrastiven Linguistik, die nur auf die Kontraste ausgerichtet war, deckt die konfrontative Linguistik sowohl Unterschiede als auch Gemeinsamkeiten zwischen verschiedenen Sprachen auf. Zu h): Eine linguistische Grammatik richtet sich nicht an Sprachenlehrende und –lernende, sondern an Fachwissenschaftler und zielt darauf ab, den linguistischen Erkenntnisstand zu verbessern. Im Gegensatz dazu ist eine didaktische Grammatik eine Beschreibung für das Lehren und Lernen einer Sprache oder mehrerer Sprachen (vgl.3 Kriterien einer didaktischen Grammatik Eine didaktische Grammatik ist durch folgende Kriterien gekennzeichnet: - Es gibt didaktische Grammatiken für den Unterricht in der Erstsprache sowie den Unterricht in der Fremdsprache.
5 - Didaktische Grammatiken für den Fremdsprachenunterricht sollen aus einer umfassenden Beschreibung der deutschen Gegenwartssprache die für die Kommunikation wichtigen und für den Lernenden schwierigen Strukturen auswählen und darstellen. - Sie sind vollständiger und expliziter als eine didaktische Grammatik für den Erstsprachenunterricht, weil sie auch die Phänomene erklären müssen, die beim Muttersprachler als bekannt vorausgesetzt werden können. - Sie sind kein Lernziel des Fremdsprachenunterrichts, sondern das Mittel zum Erreichen des Ziels, nämlich die Entwicklung der Sprachfertigkeiten und der kommunikativen Fähigkeiten. - Sie sollen den methodischen Weg aufzeigen, der zur Regelformulierung führt, also induktiv-empirisch, nicht deduktiv-theoretisch Verfahren.
- Sie sollen die sich aus den Unterschieden zwischen der Muttersprache und der Zielsprache ergebenden Interferenzen und Schwierigkeiten der Lernenden berücksichtigen (vgl. Rolle und Verfahren der Grammatikarbeit in verschiedenen Methoden 2.1 Grammatik-Übersetzungs-Methode (GÜM) „Unterrichtsziel ist nicht die freie Verwendung einer Sprache im Gespräch oder im schriftlichen Text, sondern Kenntnis und Reproduktion des formalen Systems“. (Funk/ Koenig1991:34) Ziel der GÜM ist die Vermittlung der Grammatikregeln, die Entwicklung des Sprachwissens und die Anwendung der Grammatikregeln in einem Übersetzungstext. Deshalb verfügen die Lernenden, die nach dieser Methode eine Fremdsprache gelernt haben, oft über ein differenziertes Regelwissen in der Fremdsprache, sie beherrschen viele grammatische Regeln, können aber nur wenig sprechen und machen trotz ihrer guten Regelkenntnis häufig erstaunlich viele Fehler in einem Alltagsgespräch.
Sprachbeherrschung bedeutet also Sprachwissen. Das Lernziel der Sprachbeherrschung gilt 6 als erreicht, wenn man die Grammatik beherrscht und sie in der Übersetzung sowohl von der Muttersprache in die Fremdsprache als auch von der Fremdsprache in die Muttersprache anwenden kann. Außerdem wird Sprache als ein „Gebäude“ gesehen, das aus bestimmten „Bausteinen“ systematisch gefügt und nach logischen Regeln „konstruiert“ ist (vgl. Neuner/Krüger/Grewer 1981: 10).
Deswegen hat sich die GÜM in der Grammatikarbeit auch ein Erziehungsziel gesetzt, nämlich die Erziehung zu planmäßigem ordnendem Denken (vgl. Neuner/ Kursiša/Koithan 2001: 5). Typisch für die Lehrwerke dieser Methode ist es, dass am Anfang einer Lektion zunächst neue Strukturen im Textzusammenhang verwendet werden. Anschließend werden sie als Teil eines Regelsystems nach dem deduktiven Verfahren muttersprachlich präsentiert und erklärt.
Danach folgen die Übungen, in denen die Lernenden anhand dieser Regeln selbst korrekte Sätze bilden und in der Übersetzung anwenden (vgl. Diese Übungen bestehen aus unverbundenen Einzelsätzen, die zu den Teilaspekten des jeweiligen Grammatikphänomens „konstruiert“ wurden. Die Grammatikprogression in Lehrwerken der GÜM ist nach dem Prinzip der ansteigenden Komplexität sprachlicher Formen angelegt. Der Grammatikstoff ist nach Wortarten gegliedert.
Der Grammatik sind die anderen Elemente des Fremdsprachenunterrichts wie Wortschatz und Thematik nachgeordnet. Neuner/ Kursiša/Koithan 2001: 4).2 Audiolinguale Methode (ALM) Mit der ALM hat sich der Fremdsprachenunterricht das Ziel gesetzt, die Sprechfertigkeit der Lernenden durch Nachahmung und kontinuierliches Einüben von Wortmustern und Satztypen zu entwickeln (vgl. Neuner/Krüger/Grewer 1981: 11). Gemäß der veränderten Zielsetzung der ALM erscheint die Grammatik am Anfang jeder Lektion nicht in grammatikalisierenden, synthetischen Lesetexten, sondern sie wird in Dialoge eingebettet.
Jedoch wirkt die Verwendung der zu lernenden Struktur in diesen Dialogen manchmal künstlich, weil sie in der vorgegebenen Situation nicht immer nötig erscheint. Anschließend müssen die Lernenden die Regel nicht formulieren, sondern sie variieren die Satzmuster 7 anhand der vorgegebenen Beispiele. Charakteristisch für diese Methode sind die folgenden Übungstypen: - pattern drills (in vielen Variationen); - Satzschalttafeln; - Substitutionsübungen; - Ergänzungsübungen (Lückentexte etc.); - bildgesteuerte Einsetzübungen/Dialogübungen; - Reproduktion und Nachspielen von Dialogszenen; - Umformungsübungen; - Satzbildung aus Einzelelementen. Neuner/Krüger/Grewer 1981: 12) Obwohl die Grammatik in jeder Lektion nicht hervorgehoben ist, spielt sie immer noch eine sehr wichtige Rolle bei dem Aufbau der Lektion und der Lehrbuchprogression.